
Unterhaltung mit Anspruch, aber immer spannend
Abdul M. Kunze inszeniert „Die Durstigen“ von Wajdi Mouawad im TiL - Darsteller bewältigen schwierige Monologe und emotionale Ausbrüche.
Die Tür zum Theaterraum im TiL geht immer um Punkt 20 Uhr auf. Nicht ohne Grund: Es gibt keinen Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt. Das hereinströmende Publikum hat also direkten Blick auf das Bühnenbild. Diesmal, bei der Premiere des Schauspiels „Die Durstigen“ von Wajdi Mouawad, ist der Anblick fast verstörend. Schnee bedeckt die Metallkonstruktion, die als Bühne gebaut wurde, halb darin vergraben liegt eine Puppe. Nein, es ist ein Mensch, ein lebendiger Mensch, der aber wie tot daliegt.
Der Wechsel von Realität und Fiktion durchzieht das ganze Theaterstück, Regisseur Abdul M. Kunze und Bühnenbildner Udo Herbster haben sich auf dieses Wechselspiel eingelassen und ihre Geschichte von Boon, Murdock und Norway mit viel Schnee und Wasser, Licht und Schatten und transparenten Bühnenelementen erzählt. Die eindrucksvolle Inszenierung mit hervorragenden Schauspielern wurde bei der Premiere am Freitag vom Publikum mit begeistertem Applaus belohnt.
Denn für die Schauspieler ist dieses Stück für Jugendliche und Erwachsene eine wirkliche Herausforderung. Das Textbuch weist schwierige Monologe und emotionale Ausbrüche auf, und das Spiel auf der Bühne wird durch den nassen und kalten Untergrund gewiss nicht erleichtert.
Murdock, im weißen Leichenhemd der anatomischen Institute, hebt den Kopf und schreit. Er springt auf und verflucht die Konsumgesellschaft und sein gleichförmig verlaufendes Leben. Schauspieler Dominik Breuer spielt den 17-jährigen Schüler mit Leidenschaft und Überzeugung und hält es dabei eine Stunde und 15 Minuten lang halbnackt im kalten Schnee aus. „Ein harter Kerl“, versicherte Regisseur Kunze im Vorgespräch. Sonst müsste man sich Sorgen machen.
Die nächste Szene handelt von dem Mädchen Norway, zu sehen sind aber nur ihre Eltern, gespielt von denselben Schauspielern, die auch die Jugendlichen darstellen (Anne Berg und Dominik Breuer). „Norway - seit drei Tagen ist sie nicht mehr aus ihrem Zimmer herausgekommen“, klagt die Mutter.
Was hinter diesen mysteriösen Dingen steckt, verrät dann endlich der Gerichtsanthroploge Boon (Frerk Brockmeyer): In einem Fluss werden zwei eng verschlungene Leichen gefunden. Boon wird zur Identifikation hinzugezogen. Nach gründlicher Untersuchung der stark verwesten Leichen findet er heraus, dass es sich bei dem Jungen um Murdock handelt, mit dem sein älterer Bruder vor 15 Jahren in eine Klasse gegangen ist. Murdock rebellierte gegen alles und jeden und war durch nichts zum Schweigen zu bringen - bis er eines Tages verschwand.
Doch wer ist das Mädchen? Erinnerungen an seine eigene Jugend kommen zurück, von Boon-Darsteller Frerk Brockmeyer äußerst glaubwürdig mit melancholischer Resignation und einem kleinen Schuss Ironie vorgetragen. Er erinnert sich an seinen Traum, Schriftsteller zu werden, auch an sein Theaterstück über das Mädchen Norway. Diese umgibt ein düsteres Geheimnis, das bis zuletzt nicht eindeutig geklärt werden kann. „Ein Leben ohne das Schöne macht das Schöne hässlich“, sagt sie, als sie ihr furchtbares Geheimnis entdeckt. Der Schauspielerin Anne Berg gelingt es, die schillernde Fantasiefigur lebendig werden zu lassen.
„Theater muss uns bewegen, ohne uns zu sagen, was wir denken müssen. Ich erteile niemandem eine Lektion. Ich will nicht nur Verzweiflung auslösen, sondern auch Hoffnung geben.“ Das schrieb einmal Autor Wajdi Mouawad, der sein Stück nach dem Durst auf Leben benannt hat. Der gebürtige Libanese, in Frankreich und Kanada aufgewachsen, hat besonders im frankophonen Raum einen Namen in der Theaterwelt. Mit vielen Preisen dekoriert, ist der 42-jährige Dramatiker mittlerweile zum künstlerischen Berater des Theaterfestivals in Avignon avanciert. Auch in Deutschland ist er längst kein Unbekannter mehr. Im Stadttheater Gießen wurde sein Stück „Verbrennungen“ in der Spielzeit 2007/08 erfolgreich aufgeführt.
Auch diesmal lässt sich der Erfolg klar absehen. Regisseur Abdul M. Kunze empfiehlt das Stück für Schüler ab Klasse 8. Doch Vorsicht: Trotz Murdocks Lieblingsspruch „Verfickte Scheiße“ ist die Sprache ansonsten durchaus auf hohem Niveau. Wer leichte Unterhaltung sucht, ist hier fehl am Platz. Vielmehr gilt: anspruchsvoll, doch immer spannend. Weitere Vorstellungen sind am 16. Januar, 4. und 27. Februar, jeweils um 20 Uhr im TiL. Auf Wunsch auch Sondervorstellungen für Klassen. 10.01.201, Ulla Hahn-Grimm, Gießener Anzeiger